Die Geschichte einer großen Liebe: Gretel & Günther Hainke Love

Es gibt Momente, da stockt Günther Hainke mitten im Satz, mitten in der Bewegung, hält inne und blickt seine Frau unvermittelt an. Er sagt dann die drei Worte, sagt „ich liebe dich“. Es sind seltene Momente geworden, wertvolle Augenblicke. Gretel Hainke weiß, dass sie sie festhalten muss, um den täglichen Kampf nicht aufzugeben, nicht einzubrechen, zu kapitulieren vor ihm, dem Fremden, der da vor zwei Jahren eines Tages vor der Tür stand, nicht um Einlass bat, sondern einfach eintrat in das Leben von Gretel und Günther Hainke. 65 Jahre nachdem sie sich zum ersten Mal zugezwinkert hatten, der einfach Besitz ergriff von Günther Hainke, dem ehemaligen Boxtrainer – dem Sportler, dem Kämpfer, und der ihm Runde um Runde mehr zusetzt, bis er ihn eines Tages K. o. schlagen wird, unnachgiebig, unbarmherzig, unausweichlich, der Fremde namens Alzheimer.

67 Jahre ist es her, seit sich zwei Menschen begneteten, die das Schicksal füreinander bestimmt hat. Sie lieben sich noch immer wie damals, 1948. Gretel und Günther Hainke, das ist die Geschichte einer Jahrhundertliebe.

Gretel Hainkes Stimme bricht, als sie sagt: „Die sagen zu mir: Du packst das nicht mehr lange, der macht dich kaputt, der Günther. Aber ich gebe ihn nicht her, ich gebe meinen Mann nicht in ein Pflegeheim.“ Stark wolle sie sein für ihn, bis zum Schluss. Leise, mit sanfter, fast flüsternder Stimme, als wäre es etwas, für das sie sich schuldig fühlt, fügt die 86-Jährige hinzu: „Ich kann ihn aber nicht loslassen, jetzt noch nicht.“ Wie sie das packt, einen 92-Jährigen in ihrem Alter zu Hause zu pflegen? Ihn aus der Toilette zu geleiten, wenn er seinen Teller nach dem Essen mal wieder dorthin statt in die Küche gebracht hat, ihn, den gestandenen Mann von einst, abends zu Bett zu bringen, zuzudecken wie ein kleines Kind, das ihr zum Abschied winkt, ihm die Tabletten zu geben, die ihn schläfrig machen, sein Bitten und Flehen, ihn nicht zu verlassen, täglich aufs Neue zu ertragen, mittags, wenn der ambulante Pflegedienst ihn für ein paar Stunden zu sich holt, um sie zu entlasten. Wie sie diese Kraft aufbringt? „Ich glaube, das macht die Liebe“, sagt Gretel Hainke.

 

Das Vertrauen, das bleibt

Denn Alzheimer offenbare die tiefsten Gefühle jedes Menschen – und oft genug würde sie Paare erleben, die sich in ihrem langen, gemeinsamen Leben ganz offensichtlich Verletzungen zugefügt hätten, die nie richtig verheilt seien, und die jetzt mit der Macht und Bestimmtheit einer schonungslosen Ehrlichkeit ihren Tribut forderten. Es sind jene Szenen, die jüngere Generationen beim erschrockenen Betrachten von Fernseh-Dokumentationen erschaudern lassen: Wenn der kranke Partner aggressiv aufbraust, sodass die Pflege im eigenen Heim unmöglich wird.

Günther Hainke dagegen sucht die Nähe zu seiner Frau. Wenn beide beim Essen nebeneinander auf der Bank sitzen oder abends das Fernseh-Sportprogramm verfolgen, greift er nach ihrer Hand, hält sie fest in seiner wie seit jeher. Es ist das Sinnbild ihrer Liebe, das sich Familie und Freunden eingeprägt hat: „Wann immer wir auch unterwegs waren, hielten sie Händchen“, sagt Tochter Angelika, 56. Lachend ergänzt ihre 19-jährige Tochter Julietta: „Der Opa ist für uns alle in der Familie der Maßstab. Also zumindest für uns Frauen. Wir vergleichen unwillkürlich jeden Mann mit ihm. Er war einfach immer liebevoll und ist es bis heute. Das wünscht sich doch jeder auch für sich, einen Partner zu finden, in den er noch im Alter wie frisch verliebt ist.“

 

Der Beginn einer großen Liebe

Es war am 8. Januar 1948, ein ganzer Kontinent lag in Schutt und Asche, Lebensmittel waren knapp, Deutschland hungerte, auch die 19-jährige Gretel Kerschon. Und doch: „So ärmlich wir auch lebten, wir waren zuversichtlich, wir hatten ja überlebt, das war alles, was zählte. Ja, wir waren glücklich.“ Zwei Zimmer, Küche, Bad: Gretel Kerschon lebte mit ihren Eltern in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Lichtenberg, im sowjetischen Sektor, Ost-Berlin. Der Häuserblock in der Rüdigerstraße steht noch heute. Es ist eine jener 20er-Jahre Siedlungen, eine geschlossene Fassadenfront, die sich die Straße entlangzieht, drei bis vier Stockwerke hoch. An jenem Donnerstagabend hatte sich bei Kerschons Besuch angekündigt: der 24-jährige Günther Hainke, den Gretels Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Italien kennengelernt hatte. Die beiden Männer verband ihre Begeisterung für den Boxsport. Trotz des Altersunterschieds entwickelte sich bald eine Freundschaft und Gretels Vater las dem jungen Mitgefangenen aus den Briefen seiner Tochter vor, die regelmäßig aus Berlin eintrafen. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft hätten sich die Wege der beiden Männer trennen können, es hätte wie bei so vielen anderen auch eine Zweckfreundschaft bleiben können, beendet mit dem Augenblick der Freiheit.

Doch da stand er nun in der Tür, der junge Mann mit den dichten, dunklen Haaren, den vom Boxen trainierten Oberarmen, dem wachen Blick. Er gefiel Gretel auf Anhieb, und wenn die alte Dame heute von dem Moment spricht, in dem sie ihren Mann zum ersten Mal sah, dann ändert sich die Tonlage ihrer Stimme, eine Nuance nur, und doch klingt sie wie die eines jungen Mädchens, das seinen Freundinnen im Überschwang jugendlicher Verliebtheit vorschwärmt. Die 86-Jährige sagt: „Der war schon sehr gutaussehend, der Günther.“ Nur die Nase, die sei ein wenig groß gewesen.

Wenn sie von dem Moment spricht, in dem sie ihn zum ersten Mal sah, ändert sich ihre Tonlage.

Es sollte der Beginn einer Liebesgeschichte werden, die Jahrzehnte überdauerte, ein geteiltes Deutschland, die Flucht aus der fremd gewordenen Heimat, mehrere Neuanfänge, Armut und Ungewissheit und Krankheit. An diesem 8. Januar aber schien die Zukunft voller Verheißungen. Es konnte schließlich nur besser werden. Und so verbrachte die kleine Runde fröhlich den Abend, Mitternacht zog vorüber, Günther zwinkerte, Gretel lachte und Christa dachte leise bei sich: Na, der mag die Gretel aber sehr.

Wenig später am Abend klingelte es erneut und Gretels Schulfreundin stand vor der Türe. Noch heute haben die beiden Frauen Kontakt, und Christa Hochheimer erinnert sich gut an jenen 8. Januar: „Als ich ankam, lächelte Gretel schon so.“ Während sich Günther Hainke mit Gretels Eltern unterhielt, griffen sich die beiden jungen Frauen eine herumliegende Zeitung, versteckten sich kichernd hinter dem Papier und tuschelten. „Wir haben ein bisschen über Günthers Nase gelästert“, sagt Gretel Hainke und lacht, bevor sie hinzufügt: „Bis der Günther sagte: Fräulein, Sie müssen die Zeitung schon richtig rum halten.“

 

Verlobung und Hochzeit und Hungersnot

Der Frühling zog ein nach Berlin, helles Grasgrün mischte sich unter die schwarzen und braunen und grauen Trümmer, und Gretel Kerschon und Günther Hainke hielten sich an den Händen und spazierten der Zukunft entgegen – zumindest an den Wochenenden. Denn Günther lebte bei seinen Eltern im sächsischen Oschatz, rund 200 Kilometer südlich von Berlin. Einfach ein Zimmer mieten, in ihre Nähe ziehen? 1948 undenkbar: Die Berliner hatten kaum genug Wohnraum für sich selbst, der Senat belegte die Stadt mit einer Zuzugssperre. „Meine Eltern aber waren ganz begeistert, dass ich mich in Günther verliebt hatte“, sagt Gretel Hainke. Und so ermöglichten sie ihrer einzigen Tochter nicht nur gelegentliche Treffen, sondern nahmen kurzerhand ihr eigenes, großes Ehebett auseinander, rückten im Schlafzimmer eng zusammen und stellten die andere Hälfte des Bettes dem jungen Glück im Wohnzimmer der 48-Quadratmeter- Wohnung zur Verfügung. Kaum vier Monate später verkündete eine strahlende 19-Jährige: „Ich bin schwanger.“ Als Günther Hainke im Mai 1948 aus dem Zug aus Oschatz ausstieg und seine Freundin im Gedränge des Anhalter- Bahnhofs entdeckte, ging er auf sie zu, nahm sie bei den Händen, sagte bestimmend „heute verloben wir uns“, eilte mit ihr an den nächsten Blumenstand, fragte nach dem Preis der rosa Nelken, nickte und antwortete auf die Frage, wie viele es denn sein dürften: „Na, alle!“ Und da stand sie nun, die Gretel aus Berlin, mit einem riesigen Strauß, den sie kaum selbst tragen konnte. Ein Verlobungsring? Ein romantisches Essen?

„Es gab ja nichts“, sagt sie heute. Also führte Günther seine Verlobte in ein Kurzwarengeschäft, kaufte einige Zentimeter eines silberfarbenen Garns, „wickelte es ein paar Mal um meinen Finger und damit waren wir verlobt“. An eine Hochzeit im großen Stil aber war nicht zu denken in jener Zeit des Hungers und der Not. Gretel Kerschon zog an diesem 15. September 1948 ein „ganz normales Kleid“ an, blau, einfarbig, knielang und fuhr in der Straßenbahn mit Günther Hainke zum Standesamt im Rathaus Lichtenberg, dem teilzerbombten, neogotischen Backsteinbau und Wahrzeichen des Bezirks bis heute. Den vergilbten Fahrschein hat das Paar zur Erinnerung aufgehoben. „Als Brautstrauß hielt ich drei riesige, weiße Chrysanthemen im Arm. Ich war ja so stolz“, sagt die alte Dame rückblickend. Erst zur Feier am Nachmittag schlüpfte die damals 20-Jährige in ein klassisches Brautkleid, geliehen von einer Freundin, aus Spitze, bodenlang, mit Dreiviertel-Ärmeln, schmal geschnitten, hochgeschlossen. Es gibt ein Foto von jenem Tag, aufgenommen im Wohnzimmer der kleinen Wohnung. Gretel Hainke lächelt in die Kamera. Sie wirkt stolz, glücklich und schüchtern zugleich. Günther Hainke steht neben ihr, trägt den geliehenen Karo-Anzug seines Bruders. Er hat ihr die Hand nicht auf die Schulter gelegt, wie es auf vielen Hochzeitsbildern aus jener Zeit zu sehen ist. Er hält seine Frau auch nicht umschlungen.

Die Verliebten stehen ganz eng beieinander, sie halten sich an den Händen.

die Finger ineinander verschränkt, untrennbar verbunden. Zehn Gäste waren gekommen, nur Günthers Eltern und sein Bruder fehlten. Sie hatten keine Einreiseerlaubnis in die geteilte Stadt erhalten. Gretels Mutter, Köchin in einem Krankenhaus, hatte ihre Kontakte spielen lassen und mehr Mehlmarken besorgt, als der kleinen Familie nach dem staatlichen Rationierungsprogramm eigentlich zugestanden hätten. Sie hatte gebacken, es gab Kuchen, am Abend ein außergewöhnliches Festmahl: belegte Brote mit Butter und Schinken.

 

Flucht und Neubeginn

Vier Monate später, im Januar 1949, schaltete Berlin wie jeden Tag um 22 Uhr den Strom ab. Gretel Hainkes Mutter zündete Kerzen an, das warme Licht flackerte über die Möbel im Wohnzimmer der kleinen Wohnung und warf den Schatten der Gebärenden an die Wände. Ein Jahr, nachdem Günther Hainke zum ersten Mal durch die Tür der Kerschons getreten war, kam ein Mädchen zur Welt. Die Hainkes nannten ihre erste Tochter Christa, nach der Schulfreundin, die zwölf Monate zuvor mit Gretel Kerschon hinter einer Zeitung über die Nase des Herrn Hainke getuschelt hatte.

Sechs Jahre vergingen, in denen Gretel, Günther, ihre Tochter und die Großeltern Kerschon gemeinsam in der Zwei-Zimmer-Wohnung lebten. Günther Hainke arbeitete als Schlosser und trainierte ehrenamtlich den Box-Nachwuchs, Gretel hatte nach dem baby-bedingten Abbruch ihrer Ausbildung zur Dekorateurin eine Stelle als Verkäuferin in einem Warenhaus gefunden und eigentlich blickte die kleine Familie zuversichtlich in die Zukunft. Eigentlich.

Wäre da nicht die Sache mit der DDR gewesen, der Stasi, der Indoktrinierung der kleinen Christa mit einem Weltbild, das nicht zu den Vorstellungen der liberalen Kerschons und Hainkes passte. 1955 hielten es Gretels Eltern nicht länger aus und kehrten Ost-Berlin den Rücken. Damit hatten Gretel und Günther Hainke zum ersten Mal in ihrer Beziehung eine Wohnung für sich. Doch dann kamen die Männer von der Stasi, fragten nach den Eltern, beobachteten Hainkes fortan; auch an dem Tag, an dem Gretel Hainke nach West-Berlin fuhr: „Damals gab es ja noch eine S-Bahn, die vom Osten in den Westen fuhr. Einmal hatte ich drüben Käse gekauft und Schokolade – und das Magazin Stern. Das durfte natürlich niemand sehen, es war ja ein West-Medium. Ich hab’s im Ärmel versteckt. Als ich dann kontrolliert wurde, haben die VoPos den Stern gefunden. Sie haben mich mitgenommen zu ihrer Station am S-Bahnhof.“ Die 86-Jährige stockt, bevor sie weitererzählt: „Ich musste mich ausziehen. Ganz. Dann bin ich vor Scham und Aufregung ohnmächtig geworden. Da haben wir gemerkt, was passieren würde, wenn wir blieben.“ Zwei Mal stellte die Familie einen Ausreiseantrag, zwei Mal wurde er abgelehnt. Als Günther Hainke, der sich über die Jahre einen Ruf als Boxtrainer erworben hatte, schließlich das Angebot bekam, in der Schweiz eine Boxmannschaft zu trainieren, war die Entscheidung schnell getroffen.

Zurückbleiben Möbel, Kleidung, ein ganzer Hausstand, Freundschaften.

An einem Morgen im Jahr 1957 bestiegen Gretel, Günther und ihre kleine Tochter die S-Bahn Richtung Westen. Acht Stationen trennten sie vom Neubeginn, acht Stationen, an denen sie sich jedes Mal beim Öffnen der Türen fragten, ob Stasi-Männer oder Volkspolizisten sie aus dem Waggon zerren würden, ob sie verraten worden waren, in eines der Stasi-Gefängnisse kommen würden und die Sozialisten ihre Tochter zur Adoption freigäben. Als sich die Türen an der letzten Station im Osten schlossen, dem Bahnhof Friedrichstraße, „da haben wir“, sagt Gretel Hainke, und ihre Stimme bricht zitternd, „da haben wir einen Weinkrampf bekommen, weil wir wussten, wir waren in Sicherheit.“ Zurück blieben Möbel, Kleidung, ein ganzer Hausstand, Freundschaften. Wenige Tage nach der Flucht erschien in der Vereinszeitung von Günther Hainkes Boxstaffel ein Artikel, der seine „Republikflucht“ als „Verrat an der Arbeiterklasse, Verrat am Aufbau des Sozialismus in Deutschland“ brandmarkte.

 

Ein Leben für den Boxsport

Für die Familie aber zählte nur der Blick nach vorne. Über ein kurzes Intermezzo im schweizerischen Thun zogen Hainkes zurück nach Deutschland. Nach der Flucht wenige Monate zuvor stand das Paar einmal mehr mittellos da. Es war der zweite Neustart innerhalb von zwölf Jahren. Vorübergehend lebte die Familie erneut mit Gretels Eltern unter einem Dach. Bottrop bot Arbeit, harte, körperliche Arbeit für Günther Hainke, die später ihren Tribut fordern würde. Gretel Hainke lächelt dennoch, als sie von den zwölf Jahren im Ruhrgebiet erzählt: „Als die Not am größten war, war der liebe Gott am nächsten“, sagt sie. 1959 kam Tochter Angelika zur Welt, 1961 Sohn Peter.

Günther Hainkes nebenberufliche Arbeit als Boxtrainer zog weite Kreise, bald riefen Vereine aus der ganzen Bundesrepublik nach ihm, er reiste viel, und Gretel Hainke ließ ihn gewähren: „Meine Devise war: Ich lasse dich gehen, dann kommst du auch gerne wieder zu mir zurück.“ 1970 erhielt er schließlich das Angebot, im hessischen Wetzlar einen Boxclub aufzubauen. Für das Einkommen sorgte zunächst eine Hausmeisterstelle in einer Schule, Gretel Hainke eröffnete eine kleine Geschenkboutique. Im Jahr darauf starb ihre Mutter. „Also nahmen wir meinen Vater zu uns“, sagt Gretel Hainke. Vor dem Umzug, wenn sie ihm vom friedlichen Alltag mit ihrem Mann erzählte, da habe er öfter gesagt: „Also, ich glaube das ja nicht so recht, dass ihr euch immer nur liebhabt und nie streitet.“ Aber so sei es nun einmal gewesen, sagt die 86-Jährige: „Wir haben mal diskutiert, hatten mal eine andere Meinung, aber Streit gab es bei uns tatsächlich nicht.“ Einige Monate, nachdem er zu seiner Tochter und ihrer Familie gezogen war, sei ihr Vater zu ihr gekommen und habe gesagt: „Gretel, also jetzt glaube ich es dir.“

Dreizehn Jahre vergingen, in denen Günther Hainkes Boxtrainer-Karriere zum Lebensmittelpunkt der Familie wurde. Als der Landessportbund Hessen ihm eine Stelle anbot, pendelte er kurzerhand täglich die 80 Kilometer nach Frankfurt – und vermittelte seiner Frau eine Stelle in einem Bistro. „Er sagte zu mir: Das ist doch prima, dann sind wir noch öfter zusammen, gerade während der langen Autofahrten“, erinnert sich Gretel Hainke. „Zeit war kostbar für uns, weil er ja immer so viel unterwegs war.“

Doch dann kam das Jahr 1983 und mit ihm der Tod des Vaters und der Krebs. Die Jahre zurückliegende Bottroper Schwerstarbeit beim Zerlegen von Bahnschienen mit giftigen Substanzen sei der Auslöser gewesen, erzählt seine Frau. Im Krankenhaus klagte Günther Hainke allerdings weniger über die Schmerzen, als vielmehr darüber, dass er ohne seine Frau nicht einschlafen könne. Also ließ diese ein Gästebett aufstellen und zog zu ihrem Mann ins Krankenhauszimmer. Günther Hainke besiegte den Darmkrebs.

 

Eine unendliche Liebe

20 Jahre sind seither vergangen. 20 Jahre, in denen Gretel und Günther Hainke jeden Tag Hand in Hand einschliefen. „Sie konnten einfach nicht getrennt sein. Wenn meine Oma auf mich aufgepasst hat und manchmal auch bei uns übernachtete, dann kam der Opa abends auch immer dazu. Das wäre undenkbar gewesen, dass sie bei uns allein schläft“, sagt Gretels Enkelin, die 19-jährige Julietta. Wenn Gretel Hainke heute über ihren Mann spricht, dann sagt sie nicht, wie schwer es ist, ihn zu pflegen, ihn zur Toilette zu begleiten, ihn täglich eine Stunde lang anzukleiden. Sie sagt: „Für mich ist nur wichtig, dass er da ist, der Mensch. Es ist vielleicht nicht mehr lange. Er hat jetzt keine Wortfindung mehr.“ Und doch erkennt Günther Hainke seine Frau, lächelt, streichelt ihre Hand, sagt zwischendurch klare Sätze, sagt „ich hab‘ dich so lieb“. Das, was er heute nicht mehr sagen kann, trägt Gretel Hainke in ihrer Erinnerung. Und sie liest es in den Briefen, die er ihr während ihrer 68-jährigen Liebe geschrieben hat. So wie in dem Briefwechsel aus den Wochen nach ihrer Flucht aus der DDR. Damals hatte das Paar mit seiner Tochter zunächst bei Gretels Eltern in Bottrop Unterschlupf gefunden. Günther Hainke reiste voraus nach Thun in der Schweiz, um eine Wohnung zu organisieren. Zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit neun Jahre zuvor waren Gretel und Günther Hainke damals länger getrennt, wenige Wochen nur, über Weihnachten 1957. In einem Brief vom 8. Dezember schreibt Günther seiner Frau: „Mein lieber Spatz, es hat mir sehr weh getan, als ich Dich, mein Liebstes, habe so am Autobus stehen sehen …“ Und Gretel schrieb in ihrer ersten Nachricht: „Als der Bus abfuhr, wäre ich am liebsten hinterhergelaufen … Weißt du, … ich komme mir vor … wie ein gefangenes Tier, was nicht weiß, was ihm fehlt. Nur mit dem Unterschied, daß ich weiß, was mir fehlt.“

Ein Wort? ‚Unendlich.‘

Es ist jene Episode im Leben der beiden Liebenden, die Gretel Hainke noch heute die Worte verschlägt, ihr die Tränen in die Augen treibt und sie emotional aufwühlt wie kaum ein anderes Ereignis. Die Frau, die zwischen zwei Weltkriegen geboren wurde, die zehn Jahre alt war, als der Zweite Weltkrieg begann und sechzehn, als die letzten Bomben fielen, die mit der DDR brach und aus ihrer Heimat flüchtete, die in größter Armut lebte, hungerte, erst ihren Vater pflegte und dann ihren krebskranken Mann, die seit zwei Jahren mit dem Fremden namens Alzheimer kämpft, diese Frau sagt: „Die Trennung von Günther damals, das waren die schlimmsten Wochen meines Lebens.“ Warum? „Weil ich meinen Mann liebe.“ So einfach ist das. So, wie die spontane Antwort ihrer Enkelin Julietta auf die Frage, welches Wort ihr spontan zu ihren Großeltern einfallen würde?

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